Norbert Maria J. Lingen

Autor

Die Weihnachtswunschgeschichte

1.  Einführung


Es ist Zeit, Handschuhe und Schal aus dem Schrank zu holen. Langsam werden die Tage kürzer und die Temperaturen sinken. Emma ist darüber nicht glücklich, weil dies das Ende des Sommers, des Sommerwetters, der kurzen Hosen und ärmellosen, bauchfreien Shirts bedeutet. Sie hat beim letzten Einkauf mit Papa die ersten Lebkuchen und Schokoladennikoläuse gesehen. Doch Weihnachtsstimmung will sich nicht einstellen.
Emma leidet ohnehin an einem Stimmungstief. So jedenfalls beschreibt sie ihren Seelenzustand gegenüber sich selbst. Sie vermisst ihre Mama. Sie wohnt jetzt mit Papa in einer fremden Wohnung. Mama lebt mit Caro, ihrer Schwester, und einem neuen Mann namens Janosch zusammen. Sie erinnert sich haargenau, was passiert ist.
Papa rief sie ins Wohnzimmer, ungewohnt gezwungen. Die Stimmung war spannungsgeladen, anders als Emma es zu Hause gewöhnt war. Mama, Papa und ihre ältere Schwester Caro waren da. Mama und Papa mit ernsten Gesichtern, Caro und Emma ratlos. Was ist los? Caro und sie erfuhren von der geplanten Trennung. Der Stich ins Herz, den sie bei der Erinnerung daran spürt, zeigt ihr, wie schrecklich ihre Verwirrung war.
Sie wohnten noch einige Zeit gemeinsam in ihrem Haus. Nach ein paar Wochen zogen Mama und Caro aus und kurz danach bezogen auch Papa und sie ihre Wohnung. In der Zwischenzeit hat Emma sich an den Gedanken gewöhnt, einen neuen Lebensabschnitt nur mit Papa zu beginnen.


2.  Es weihnachtet


Seitdem lebt sie mit Papa in einer großzügigen Wohnung. Sie hat ein riesiges Zimmer und ihr Hochbett, das Papa ihr versprochen hatte. Emma hätte zufrieden sein können. Doch sie vermisst ihre Familie. Sie sieht Mama und Caro nicht mehr täglich. Wenn sie mit Mama kuscheln will, ist sie nicht da und sie wird auf das nächste Wochenende vertröstet. Jedes Mal muss erst ein Termin vereinbart und sie dorthin gebracht werden. Auch Caro fehlt ihr sehr. Warum ist nicht mehr alles wie vorher?
Mittlerweile geht der Herbst seinem Ende entgegen und die Vorweihnachtszeit beginnt mit der ihr eigenen Stimmung. Es wird später hell und früher dunkel. Zum Schulweg morgens im Dunkeln leuchten die Straßenlaternen. Nachmittags um vier zum Schulschluss dämmert es schon und wenn Emma ihre letzten Gespräche mit ihren Freundinnen beendet hat, ist es bereits finster. Emma liebt die Weihnachtszeit. Viele Fenster sind lichterfüllt und bunt beleuchtet. Die Bäume in den Vorgärten tragen glanzvolle, oft auch hektisch blinkende Lichterketten.
Das ist Emmas Wohlfühlzeit. Der Dezember ist für Emma ein besonderer Monat. Nicht nur wegen Weihnachten und der Adventszeit. Nein, sie hat auch noch mitten in der Adventszeit, zwischen dem zweiten und dritten Adventssonntag, ihren Geburtstag. Dieses Jahr wird sie neun. Ganz schön alt, meint sie.


3.  Wunschzettel


Sie macht sich nicht nur Gedanken über ihre Weihnachtsgeschenke, nein auch am Geburtstag soll es möglichst viele Pakete geben. Sie hat in den letzten Jahren das Gefühl, dass es besser wäre, ihn nicht so nahe bei Weihnachten zu haben. Das hat eindeutig Einfluss auf das Ausmaß der Geschenkeflut. Sie meint, beobachtet zu haben, dass ihre Freundinnen, die im Sommer feiern, mehr Geschenke erhalten. Da fällt ihr Uropa ein, der vor einigen Jahren im Alter von dreiundneunzig verstorben ist. Der hatte am Heiligen Abend Geburtstag. Das ist erst recht blöd.
Emma hat schon einen Wunschzettel geschrieben. Nach emsigem Nachdenken macht sie zwei Wunschzettel daraus, einen für Weihnachten und einen für ihren Geburtstag. Das ist das Beste, am Schreibtisch zu sitzen und hin und her zu wägen, was sie sich wünschen soll. Das kleine Weihnachtsbäumchen mit lila und rosa Kugeln, das Opa ihr im letzten Jahr geschenkt hat, steht am Boden in ihrem Zimmer. Sie hat es gestern aufgestellt. Die Lichterkette leuchtet, die Weihnachtskugeln glänzen. Draußen ist es finster. Die Stimmung ist weihnachtlich und behaglich. Sie liebt es. Es benötigt keine Anstrengung und ihr erster Wunschzettel ist voll. Sie hat viele Wünsche. Auch für den zweiten Wunschzettel fehlen ihr die Ideen nicht. Das schönste ist, sich während des Aufschreibens das Spielzeug vorzustellen und in Gedanken damit zu spielen. So verbringt sie pro-blemlos einen ganzen Nachmittag mit dem Verfassen von Wunschzetteln.
In diesem Jahr allerdings liegt ein bedrückender schwarzer Schatten über allem, was sie unternimmt. Mama und Papa haben sich getrennt. Caro wohnt nicht mehr im Zimmer nebenan. Auch wenn sie sich nicht direkt damit beschäftigt, der Schatten verschwindet nie ganz. Manchmal weint sie aus heiterem Himmel. Immer wieder schießen graue Gedanken dazwischen, die ihre Vorfreude dämpfen und die Weihnachtsstimmung verderben.
So macht das Wünschen von Spielzeugen nicht mehr den gleichen Spaß wie früher. Emma fragt sich, wie wichtig Spielzeuge sind. Sie hat bereits viele. Doch sie kommt auch heute wieder zu dem Ergebnis, verzichten will sie auf neue Spielzeuge nicht. Irgendetwas ist jedenfalls seltsam. Sie sitzt da und denkt nach. Sie schweift ab. Einmal dorthin, wo sie in Gedanken schon mit dem Reiterhof, den sie noch gar nicht besitzt, und den dazugehörigen Pferden spielt. Das andere Mal dahin, wo sie sich fragt, ob spielen überhaupt noch viel Spaß macht.


4.  Der unerwartete Gedanke


Er kommt über sie und fasziniert sie sofort. Was wäre das beste Weihnachtsgeschenk der Welt? Sie springt auf von ihrem Schreibtischstuhl, reißt ihre Zimmertür auf und rennt in Papas Arbeitszimmer. Er ist im Home-Office, arbeitet den ganzen Tag am Computer und nimmt an Video-Konferenzen teil. Sie sollte ihn eigentlich nicht stören. Aber bei einer so bedeutsamen Sache kann sie einfach nicht anders. Was bleibt Emma schon übrig?
„Papa“, ruft sie aufgeregt, „Was ist das beste Weihnachtsgeschenk der Welt?“
Papa dreht sich verwundert zur Tür, in deren Rahmen Emma stehen geblieben ist.
„Wie kommst du auf diese Frage?“; will Papa wissen, „natürlich das, was du dir am meisten wünschst.“
„Woher weiß ich denn, ob mein größter Wunsch auch das beste Weihnachtsgeschenk der Welt ist?“, zweifelt Emma.
„Na, weil es um das schönste Weihnachtsgeschenk für dich geht. Das kannst doch nur du wissen, oder?“, fragt Papa verwundert.
Emma sinnt nach und nickt mit dem Kopf. Dann schüttelt sie ihn und ruft:
„Das ist es ja. Ich weiß zwar, was ich mir wünsche. Ich kann sogar sagen, was ich am meisten haben möchte. Aber ob es das beste Weihnachtsgeschenk für mich ist, weiß ich nicht. Vielleicht fällt es mir nur gerade nicht ein?“
„Das ist doch einfach“, meint Papa, „Das Geschenk, das dich am glücklichsten macht, ist natürlich das beste Weihnachtsgeschenk.“
Er wendet sich wieder seinem Computerbildschirm zu und murmelt:
„Ich muss hier weiter arbeiten.“
Emma dreht sich um, schließt die Tür und grübelt bedrückt:
„Aber das ist es ja gerade. Ich weiß nicht mehr, was mich am glücklichsten macht.“
An diesem Abend sinniert Emma noch im Bett über Weihnachtsgeschenke und Glück. Mit einem Hauch von Traurigkeit schläft sie ein. Ihre Mama ist nicht da, um ihr Gute Nacht zu wünschen.


5.  Der Wunsch-Detektiv taucht auf


In der Früh weckt ihr Wecker sie. Sie bleibt, wie meistens liegen, räkelt sich unter der behaglichen Decke und genießt die fünf Minuten, bis Papa kommt, um sie endgültig aus dem Bett zu holen:
„Guten Morgen, Maus“, flüstert Papa und setzt sich auf die Bettkante, „hast du gut geschlafen?“
Emma kuschelt mit Papa und ihr schießt der Gedanke durch den Kopf, dass das jetzt im Augenblick das wahre Glück sein könnte. Mit dem nächsten Impuls fragt sie sich, was frühes Aufstehen mit Glück zu tun hat und schon ist sie in ihrem Alltagstrott. Katzenwäsche, Anziehen, Frühstücken, Jacke, Schuhe, Schultasche und los. In der Tiefgarage steht der Scooter. Emma hat lange gekämpft, bis sie ihn für den kurzen Schulweg benutzen darf.
Sie ist jeden Tag früh unterwegs, sodass sie sich nicht sonderlich beeilen muss. Ein schwungvoller Tritt mit ihrem rechten Fuß und sie lässt sich ausrollen, bis der Roller bedenklich wackelt und beinahe umkippt. Dann kommt der nächste Schwungtritt. Dabei schaut sie rechts und links in die Gegend, hält Ausschau nach Freundinnen und versucht in der durch Straßenlaternen erhellten Dunkelheit irgendetwas Interessantes zu entdecken. Meistens entdeckt sie nichts, manchmal jedoch findet sie ein Haargummi, einen Stift oder angebissene Bonbons. Nicht alles hebt sie auf.
Sie holt aus zum nächsten Schwungtritt und stoppt schlagartig. Was ist das? Im Gebüsch neben dem Bürgersteig scheint etwas zu leuchten. Ganz schwach, es ist kaum zu sehen. Andere Kinder laufen und fahren vorbei, ohne es wahrzunehmen. Emmas Neugierde ist geweckt. Sie springt von ihrem Scooter, lässt ihn fallen, dass er einfach liegen bleibt, und bewegt sich auf das Gebüsch zu. Sie schaut genau hin, damit sie den leuchtenden Punkt nicht verliert. Er leuchtet mal stärker, mal schwächer. Sie kriecht zwischen die kratzenden Äste hinein in die nahezu undurchdringliche Hecke und ist bald von außen nicht mehr zu sehen. Es wird dunkler und dunkler im dichten Bewuchs. Nur der liegende Scooter erinnert an sie. Als sie mit der Nase beinahe auf die Lichtquelle stößt, erkennt sie verblüfft ein Spielzeugpferd.
Zuhause besitzt sie viele davon. Damit spielt sie häufig und gerne. Doch ein leuchtendes Pferd hat sie noch nie gesehen. Die Farbe der winzigen Figur ist wegen des Lichtscheins nicht zu erkennen. Aber es ist hinreißend. Schöner als alle Pferde, die sie zu Hause in ihrem Zimmer hat. Emma greift zu. Sie hat es gefunden und will es behalten. Doch da hat sie die Rechnung ohne das winzige Tier gemacht. Irgendetwas ist andersartig. Sie betastet das unscheinbare Pferd in ihrer linken Hand und es ist, im Gegensatz zu sonst, weich und warm. Keine harte Plastikoberfläche, kein regloser Pferdeleib. Nein, es ist unglaublich: Es bewegt sich heftig. Wenn es sie nicht täuscht, hat sie sogar ein leises, aufgebrachtes Wiehern gehört.
Emma ist verwirrt, schüttelt den Kopf, als ob das alles nicht sein könne, kriecht zurück auf den Gehweg, steckt das Pferdchen in ihre Tasche, schnappt ihren Roller und fährt, so schnell sie kann zur Schule. Sie ist schon etwas spät. Der Scooter ist rasch an den Fahrradständer geschlossen. Sie richtet sich auf und gewahrt eine sachte Bewegung in ihrer Jackentasche. Offenbar bewegt sich das gefundene Rösslein. Sie schüttelt den Kopf. Doch sie hat keine Zeit. Der Unterricht beginnt in zehn Minuten und die Corona-Tests stehen noch an. Sie zieht ihren Mund-Nasen-Schutz so selbstverständlich hoch, als wäre es das normalste von der Welt, eine Maske vor dem Gesicht zu tragen. Seit zwei Jahren wütet das Coronavirus, sodass Emma die Zeit ohne Gesichtsmaske bereits völlig verdrängt hat.
Nachdem die morgendlichen Schulrituale erledigt sind, lässt sie sich außer Atem an ihrem Platz in der Klasse auf den Stuhl fallen. Es ist kühl, weil alle Fenster offen sind. Eine Maßnahme gegen das Corona Virus. Emma und die anderen wissen das und haben ihre dicken Jacken angelassen. Die dürfen sie ausziehen, wenn das erste Lüften vorbei ist.
„Hast du deine Schleich-Pferde dabei?“, fragt Lisa vom Tisch nebenan. Sie spielen in der Pause mit ihren Pferdchen. Sie und ihre Freundinnen bringen jeden Tag eines oder zwei aus ihren Sammlungen von zu Hause mit.
„Ja, sicher“, ruft Emma zurück. Weiter kommt sie nicht, denn der Unterricht beginnt. In ihrer Jackentasche zappelt es und sie erahnt erneut ein kaum vernehmbares Wiehern. Zum Glück wird es durch den dicken Stoff der Jacke so gedämpft, dass niemand in der Klasse es hört. Emma kann der Lehrerin nicht recht folgen. Die sich immer wieder ausbeulende Tasche ihrer Winterjacke und die leisen Geräusche lenken sie ab. Sie hat keine Alternative.


6.  Eine Unterhaltung auf der Toilette


„Marie, ich muss zur Toilette“, hebt sie ihren Finger und schaut ihre Lehrerin unschuldig an.
„Jetzt schon?“, schüttelt Marie ihren Kopf, „wir starten doch gerade erst mit dem Unterricht.“
Sie nickt lächelnd und macht ein Handzeichen, das ihre Erlaubnis signalisiert. Emma springt auf und rennt zur Tür.
„Na, das muss aber dringend sein“, wundert sich ihre Lehrerin, doch Emma hat die Klassentür von außen schon zugeschlagen. Sie marschiert entschlossen zu den Schülertoiletten. Jetzt will sie zuerst einmal klären, was es mit den heftigen Bewegungen und Geräuschen in ihrer Jackentasche auf sich hat. Sie schließt sich in eine der Kabinen im Mädchenklo ein und greift in ihre Tasche. Ihre Hand zuckt zurück, als die das weiche, ungestüm zappelnde kleine Etwas berührt. Es erinnert sie an die Wüstenrennmäuse, die sie zu Hause haben. Die sind auch so kuschelig.
Emma greift zu und zieht das unruhige Wesen heraus. Sie traut ihren Augen nicht, die immer größer werden und staunend auf ein kleines weißes Pferd mit langem Schweif und wild wehender Mähne schauen. Es steht auf Emmas flacher Handfläche und schüttelt heftig seinen Kopf. Jetzt ist das aufgeregte Wiehern nicht mehr zu überhören. Emma verschließt ihre Hand, springt auf, schaut aus der Kabine und kontrolliert den Vorraum. Das wäre schwierig zu erklären, wenn jemand anderes ein Pferdeschnauben aus der Klokabine hören würde. Alles ist in Ordnung. Sie schließt ihre Tür wieder und öffnet die Hand. Das Pferdchen tänzelt aufgebracht auf ihrer Handfläche. Emma schaut es zum ersten Mal genauer an. Was hat sie denn da gefunden? Ein echtes lebendiges Wesen? Das kann nicht sein. Sie kennt alle Pferde- und Ponyrassen. So etwas hat sie noch nicht gesehen.
„Hast du endlich genug geglotzt?“, hört Emma eine angenehm weiche Stimme. Sie springt sofort wieder auf, reißt die Kabinentür auf und schaut in den Waschraum. Kein Mensch dort. Wer hat etwas gesagt? Sie setzt sich auf den geschlossenen Klodeckel und öffnet ihre Hand.
„Jetzt reicht es aber mit dem andauernden zusammendrücken. Glaubst du, ich bin ein Gummiball?“, Emma sieht jetzt genau, dass das Pferdchen gesprochen hat. Das ist ja noch besser. Sie hat nicht nur ein winziges echtes Pferd, nein, es spricht sogar.
„Schau nicht so konsterniert. Habe ich das vielleicht satt. Bei jedem Kind der gleiche Zirkus. Du wirst zuerst dreimal in der Hand zusammengequetscht, bevor du Gelegenheit hast, irgendetwas zu sagen. Halte deine Handfläche offen, bleib ruhig sitzen und wir können uns unterhalten wie vernünftige Wesen.“, das Pferd schaut streng.
Emma ist sprachlos, was ihr selten passiert. Sie reißt sich zusammen. Es handelt sich schließlich nur um ein winziges Spielzeugpferd. Möglicherweise träumt sie und liegt in Wirklichkeit in ihrem Bett. Doch sie nimmt die harten kleinen Hufen auf ihrer weichen Handfläche wahr und folgert daraus, dass es kein Traum ist.
„Wer bist du?“, fragt Emma atemlos.
„Endlich eine vernünftige Frage.“, schimpft das Pferd, „willst du noch etwas wissen?“
Oh ja, und ob. Sie möchte so viel erfahren, dass sie keine Ahnung hat, womit sie anfangen soll. Doch dazu kommt es nicht. Die Tür zur Mädchentoilette öffnet sich und Emma hört Lisa rufen:
„Emma wo steckst du? Marie schickt mich. Ich soll dich holen.“
„Hier bin ich.“, antwortet Emma, stopft das arme Pferd wieder in die Jackentasche und öffnet die Tür der Toilettenkabine.
„Na komm“, ruft Lisa, nimmt Emma an die Hand und die beiden rennen die Treppen zum Klassenraum hoch. Emma reißt ihre Jacke von sich, hängt sie an die Garderobe im Flur und hastet in die Klasse. Das Pferdchen ist zunächst vergessen. Marie nimmt Emma beiseite und fragt besorgt:
„Geht es dir gut Emma?“
Emma hat, seit Mama und Papa sich getrennt haben, manchmal heimlich geweint. Marie hat das mitbekommen und macht sich Sorgen.
„Nein, alles ist in Ordnung“, antwortet Emma, „ich musste wirklich nur aufs Klo.“
Emmas Gewissen rührt sich. Das war nicht nur geflunkert, das war eindeutig gelogen. Aber sie kann Marie nicht ernsthaft von einem kleinen sprechenden Schleich-Pferdchen erzählen. Das würde sie ja niemals glauben und sonst was denken.
Nun beginnt der Unterricht auch für Emma. In der ersten Pause bleiben sie drinnen und nach dem Mittagessen dürfen die Kinder auf den Pausenhof. Sobald Emma ihre Jacke vom Haken nimmt, spürt sie das zappelnde Pferdchen und alles fällt ihr wieder ein. Was soll sie tun? Sie kann ihren Freundinnen doch nicht verraten, was sie da gefunden hat, natürlich nicht. Sie muss zuerst selbst verstehen, um was für ein Phänomen es sich handelt. Das ist übrigens ein Wort, das Emma fasziniert, seitdem sie es in kosmischer Erziehung zum ersten Mal gehört hat. Das Pferdchen bleibt also den ganzen Nachmittag bis vier Uhr in der Jackentasche.


7.  Der Wunsch Detektiv stellt sich vor


Die Schule ist zu Ende. Diesmal kürzt Emma ihre Abschiedsrituale mit ihren Freundinnen ab. Sie hat es eilig, nach Hause in ihr Zimmer zu kommen, um endlich heraus zu bekommen, was sie da heute gefunden hat. Die Rückfahrt mit dem Scooter geht blitzschnell. Sie lässt sich mit Riesentempo die Rampe zur Tiefgarage herunterrollen, stellt ihren Roller dort ab, steigt nach oben in den ersten Stock und schließt die Wohnungstür auf. Sie hört beim Hereingehen, dass Papa in einer Telefon-Konferenz festhängt. Sie ruft kurz:
„Bin wieder da.“, und rennt durch den Flur in ihr Zimmer. Die Garderobe ist gleich neben der Eingangstür. Normalerweise hängt sie dort ihre Winterjacke an den Haken und wirft ihre Schultasche auf den Boden. Diesmal stürzt sie, wie sie ist, in ihr Zimmer und schlägt die Tür zu. Endlich Ruhe. Jetzt hat sie Gelegenheit, sich um ihr seltsames Findelpferd zu kümmern. Ihr Schulranzen landet mitten auf dem Fußboden zwischen den Spielzeugen, Papierschnipseln, Stiften und dem ein oder anderen Kleidungsstück. Sie wischt ihren Schreibtisch mit einer Armbewegung leer, was das Chaos am Boden weiter vergrößert. Die Jacke liegt auf ihrem Bett und sie greift in ihre Jackentasche, packt das zierliche Pferd vorsichtig, stellt es auf den Tisch und bewundert es. Das Pferdchen schafft sich zuerst etwas Bewegung, indem es einige Runden auf Emmas Schreibtisch galoppiert.
Endlich bleibt es vor Emmas Nase stehen, denn sie hat ihren Kopf mit dem Kinn auf der Schreibtischkante abgestützt, hockt vor ihrem Tisch und bewundert das edle Ross.
„Das wurde Zeit. Meine Beine sind in der engen Tasche eingeschlafen. Was hat da so lange gedauert?“
Emma zuckt mit den Schultern: „Was soll ich denn tun? Hätte ich dich während des Unterrichts vor der ganzen Klasse auf den Tisch stellen sollen? So etwas wie dich gibt es doch eigentlich gar nicht.“
„Was meinst du da? Stehe ich vor dir oder nicht? Natürlich gibt es mich. Seit wann glaubst du denn nur an die Dinge, die man kennt?“
„Ok, Schleich-Pferde habe ich viele. Aber eines mit einem echten Fell, das wiehert und spricht, da darf man sich doch wundern, oder?“
„Apropos Schleich-Pferde. Ich sehe meine ganzen Kollegen da unten auf dem Boden liegen, mitten zwischen dem anderen Spielzeug. Meinst du, die fühlen sich da wohl? Pferde müssen stehen und nicht herumliegen. Sie brauchen einen Stall und eine ordentliche Koppel. Wie ich sehe, hast du das ja alles. Und sage nicht, das wären Plastik Pferdchen, die nichts fühlen. Das darfst du von keinem deiner Spielzeuge denken.“
Emma ist betroffen. Sie liebt jedes ihrer Schleich-Pferde. Doch oft hat sie anderes im Kopf. Dann passiert es, dass einige, na ja, manchmal auch sämtliche, herumliegen. Sie wischt den Gedanken beiseite und fragt mit Interesse:
„Jetzt sage mir doch mal, wer du bist? Wieso liegst du morgens im Dunkeln unter dichten Büschen und leuchtest?“
„Ich dachte schon, du fragst gar nicht“, meckert das warmherzige Tier ungeduldig, „du solltest dich schon darüber wundern, so etwas wie mich zu finden. Das geschieht nicht alle Tage.“
„Genau“, mein Emma, aber das Pferdchen redet erregt weiter:
„Ich bin ein Wunsch-Detektiv. Du schreibst Wunschzettel und machst dir einige Gedanken darüber, was die richtigen und wichtigen Wünsche sind. Für solche Umstände bin ich da. Damit die erste Begegnung leichter ist, erscheinen die Wunsch-Detektive immer in der Gestalt des liebsten Spielzeuges. Das sind bei dir eindeutig die Schleich-Pferdchen. Stell dir vor, ich hätte da als Fußball gelegen. Du hättest mich gar nicht angesehen.“
Emma lacht hell auf. Sie kann sich ihr sprechendes Schleich-Pferdchen beim besten Willen nicht als Fußball vorstellen. Wie soll ein Fußball auch reden können?
„Wo kommst du her? Woher weißt du von meinem Wunschzettel und den Gedanken dazu?“, fragt Emma wissbegierig.
Das Pferdchen schaut Emma ernst an:
„Du glaubst nicht an das Christkind, nicht an den Weihnachtsmann oder an Santa Claus. Du meinst, Geschenke kaufen die Erwachsenen. Eine höhere Instanz gäbe es nicht, die sich um die Wünsche der Kinder kümmert? Da täuschst du dich gewaltig.“
Emma kommt aus dem Staunen nicht heraus. Sie glaubt wirklich nicht an das Christkind oder Ähnliches. Das sind Erfindungen von den Großen, die das Weihnachtsfest spannender gestalten wollen. Sie hat eindeutig mitbekommen, dass Oma und Opa im letzten Jahr den Pferdehof von Schleich bei Müller in der Spielzeugabteilung gekauft haben. Zwei Wochen später lag er sorgfältig eingepackt unter dem Weihnachtsbaum. Da hat die Behauptung von Opa nichts geholfen, er habe das Christkind mit dem großen Paket sogar selbst erkannt.
„Ich habe das Christkind noch nie gesehen. Früher habe ich daran geglaubt. Aber jetzt bin ich schon so groß, dass ich bemerke, wenn die Erwachsenen mir Märchen erzählen.“
Das Pferdchen nickt zustimmend und schaut Emma mit warmen braunen Augen direkt in das Gesicht:
„Dein Beispiel ist gut. Für Präsente, die man in jedem Laden kaufen kann, braucht man das Christkind nicht. Das kann jedermann, der ein bisschen Geld hat. Ich spreche nicht von einfachen Geschenken, sondern von Wünschen. Ich bin kein Geschenke-Detektiv, nein, ich bin ein Wunsch-Detektiv.“
Emma versteht den Unterschied sofort. Sie kann die Frage immer noch nicht beantworten, die Papa ihr am gestrigen Abend gestellt hat. Welches Geschenk macht mich am glücklichsten? Da wäre ein Wunsch-Detektiv eine große Hilfe für sie. Sie fragt:
„Womit befasst sich denn ein Wunsch-Detektiv genau? Verrätst du mir meine Wünsche? Sagst du mir, welcher Wunsch mich am glücklichsten macht?“
„Nein, so einfach ist die Welt nicht. Vorsagen hilft nie. Das führt nur zum nachplappern und gelernt hat keiner etwas, höchstens der Vorsager, was in dem Fall ja ich wäre.“
„Wie denn sonst? Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“, Emma ist schnell ungeduldig und sagt dann etwas, was ihr hinterher leidtut.


8.  Emma lernt die Wunschwelt kennen


Es klopft und die Zimmertür öffnet sich. Papa steckt seinen Kopf durch den Türspalt und fragt verwundert:
„Ich höre dich die ganze Zeit mit jemandem reden. Dein Tablet liegt in der Küche. Das ist es nicht. Hier sehe ich auch niemanden.“
Das Pferd auf dem Schreibtisch hat sich, sofort als die Tür aufging, versteift und wirkt nun wie eines der normalen Plastikpferdchen. Das heftig schlagende Herz und die bewegte Mähne entgehen Papa.
„Ich habe wohl zu laut gesungen. Ich führe keine Selbstgespräche.“, erwidert Emma leichthin.
„Na gut, aber eigentlich wollte ich dich zum Essen rufen. Kommst du bitte, heute gibt es Lasagne.“
Emma springt auf. Lasagne isst sie gerne und Hunger hat sie. Sie rennt ins Bad, wäscht ihre Hände und sitzt eher am Esstisch, als Papa die Teller hereingebracht hat. Sie speist mit außerordentlichem Appetit und ist blitzschnell fertig mit essen. Papa muss noch arbeiten und Emma braucht ihre Ruhe. Sie hat mit ihrem neuen Pferdchen einiges zu besprechen.
„Du Papa, ich nehme mein Tablet mit in mein Zimmer und spiele etwas. Vielleicht chatte ich noch mit Caro. Also nicht wundern, wenn ich laut rede. Danach gehe ich gleich schlafen. Gute Nacht.“, und schon war sie verschwunden. Papa war überrascht, denn normalerweise sucht Emma niemals freiwillig ihr Bett auf.
‹Umso besser›“, überlegt Papa, ‹es ist ja mal schön, wenn man das Kind nicht zu seinem Glück zwingen muss.›, und begibt sich wieder ins Arbeitszimmer. Er hat für heute noch die letzten Berechnungen durchzuführen.
Emma sitzt neuerlich an ihrem Schreibtisch und bewundert das kleine weiße Pferd.
„Was jetzt?“, fragt sie erwartungsvoll.
„Ich zeige dir die Welt der Wünsche, komm mit.“
Ehe Emma sich versieht, sitzt sie auf dem Rücken des Pferdchens. Sie hat keine Ahnung, ob sie geschrumpft oder das Tier echt groß ist.
‹Ist egal.›, überlegt sie sich und reitet im Galopp davon. Galoppiert ist sie im Reitunterricht noch nie und ohne Sattel schon mal gar nicht. Sie wundert sich gleichwohl nicht darüber, es plötzlich zu können. Sie reiten durch einen dichten Wald. Er ist, obwohl es draußen stockdunkel ist, sonnendurchflutet, hell und freundlich. Sie freut sich, denn sie reitet für ihr Leben gern. So frei und sicher wie jetzt hat sie noch nie auf dem Rücken eines Pferdes gesessen und dann auch noch ohne Sattel und Zaumzeug. Es geht über Stock und Stein, immer tiefer in den Wald hinein. Ihr Pferdchen kennt den Weg. Es läuft zuverlässig und schnell. Es scheint zu wissen, wo es hin will. Die Bäume verändern sich mit fortschreitender Strecke. Emma beobachtet, dass Laubbäume mehr und mehr die Nadelbäume ablösen. Ihr fällt ein langsamer Farbwechsel auf. Die Blätter der Laubgehölze werden blasser, sie sind jetzt nahezu weiß. Auch werden sie größer und eher eckig als rund. Wenn sie genau hinschaut, erkennt sie winzige Zeichen darauf, als wären sie dicht beschrieben.
„Was ist das für ein Wald?“, ruft Emma ihrem Pferd zu. Das antwortet während des Galoppierens, mit ruhiger Stimme:
„Wir sind im Wald der Wunschbäume. Hier wachsen alle Wunschzettel der Welt.“
Emma glaubt es nicht. Wie funktioniert das? Woher kennen die Wunschbäume die Wunschzettel der Welt? Wie kommen denn die Wunschzettel, die hier wachsen, zu den Kindern?
„Ich weiß, du hast viele Fragen. Nur so weit. Es gibt eine starke Verbindung mit den Herzen der Kinder, aus denen die Wünsche entstammen. Weißt du, was eine Cloud ist? Das ist ein Speicher, den der Computernutzer nicht sieht und nicht bei sich zu Hause hat. Er ist irgendwo in der Welt, genauso wie Wolken im Himmel schweben. Deshalb heißt Cloud übersetzt Wolke. Du kannst dir vorstellen, dass auf diese Weise die Wunschzettel der Kinder in den Blättern der Wunschbäume aufbewahrt werden.“
„Und warum speichert man die Wunschzettel hier?“, Emma will alles genau wissen.
„Die gesammelten Wünsche der Kinderherzen sind ein wertvoller Schatz, entstammen sie doch einem unverfälschten und unschuldigen Verlangen. Sie stehen für Spiel, Spaß, Lebensfreude, Energie und reines Vergnügen. Es sind, sofern die Wünsche nicht schon von der Erwachsenenwelt beeinflusst sind, die echtesten und kostbarsten Anliegen der Welt. Sie verändern sich im Zeitenlauf und repräsentieren die Schönheit und das Glück der Zukunft. Hier, im Zentrum des Wunschwaldes, ist der innere Bezirk, du kannst es Gott nennen, als Schicksal bezeichnen oder es dir als Christkind vorstellen. Hier liegt die Zukunft der Welt. Kinderwünsche sind unglaublich mächtig.“
Emma ist beeindruckt und will zunächst nichts mehr wissen. Darüber muss sie zuerst einmal nachdenken. Dass Kinder so wichtig sind, hat sie nicht geahnt. Sie fragt sich sofort, warum Mama dann nicht mehr bei ihr zu Hause wohnt, wenn sie doch so von Belang ist. Schon wieder überkommt sie ein grauer Hauch von Traurigkeit.
Der Ritt geht weiter, der Wald wird lichter, die Bäume kleiner, die Blätter weniger. Minuten später, obwohl Emma nicht genau weiß, ob und wie hier die Zeit gemessen wird, hat die Gegend sich augenfällig verändert. Sie liegt im hellsten, strahlenden Sonnenschein. Die Sonne bescheint eine steppenartige Landschaft. Hier sind nur vereinzelte Bäume zu finden. Die Bäume verfügen über eine dichte, undurchdringliche Menge von Blättern, die allerdings deutlich kleiner sind, als im unergründlichen Wunschwald. Offenbar sind sie ebenfalls beschriftet, aber mit weniger Text, erkennt Emma im Vorbeireiten.


9.  Der Wunschbrunnen tut seine Wirkung


Sie reiten mittlerweile nicht mehr Galopp, sondern traben bei angenehmen Temperaturen durch die abenteuerliche Steppe. In der Ferne erscheint ein Brunnen, der Erfrischung verspricht. Dorthin wendet sich das weiße Pferd und Emma spürt ihren trockenen Mund.
„Darf man dort trinken?“, fragt Emma durstig.
„Na, sicher. Das ist der schönste und wertvollste Brunnen der Welt.“, erwidert das Pferdchen.
„Wieso?“, will Emma wissen.
„Es handelt sich um den Wunschbrunnen. In seinem Wasser ist die Essenz der Kinderwünsche gelöst. Wer hiervon trinkt, erkennt seine wahren Wünsche und weiß welche Wünsche ihn am glücklichsten machen.“
Emma ist glühend vor Begeisterung. Das ist doch genau das, was sie in den letzten Tagen beschäftigt hat. Sie springt vom Pferd und stürzt sich geradewegs auf die Wasserquelle. Sie will sofort einen Schluck nehmen, um ihr Problem zu lösen. Sie rennt hin und schaut über die Brüstung des runden Brunnens. Ein gähnendes Loch weist in die unheimliche Tiefe, dem wertvollen Ursprung aller Wünsche. Wie herankommen an das edle Nass? Umschauen und suchen bringt sie nicht weiter. Es ist kein Weg zu erkennen, die Quelle der Sehnsüchte zu erreichen. Emma sieht sich im Stich gelassen. Niemand hilft ihr. Wie soll ein Kind so etwas schaffen. Es ist genau wie bei Mama und Papa. Sie will sie unbedingt wieder zusammenbringen, hat aber lernen müssen, dass ihre Kraft nicht ausreicht. Mama und Papa aufeinander zu schieben, dass sie sich in die Arme nehmen, hat nicht funktioniert.
Sie lässt sich langsam an der Mauer des Brunnens hinuntergleiten, hockt wie ein Häuflein Elend am Fuße des angeblichen Glücksbringers und weint bitterlich. Die ganze Traurigkeit der letzten Monate strömt aus ihr heraus.
Das Pferd, das die hilflosen Versuche von Emma beobachtet hat, kommt langsam auf sie zu, reibt seinen Kopf an ihrem und lässt sie ausweinen. Die beiden verbringen viel Zeit am Rande des Wunschbrunnens und erleben eine innige Nähe und Liebe zueinander. Emma öffnet sich ihrem Pferd. Das Pferdchen erfährt alle ihre Gefühle, Wünsche, Abneigungen und Freundschaften. Selbst jeden kleinen Streit mit ihren Freundinnen, die nicht selten vorkommen, und das Vertragen danach, erlebt es mit. Es wird zum vollkommenen Vertrauten von Emma. Mit ihm kann sie ohne Vorbehalte und Scheu über alles reden.
Emma hat das Gefühl, als sei sie nahe an ihrem wichtigsten Wunsch, der sie glücklich machen würde. Aber sie nähert sich, sie hat ihn noch nicht.
„Du musst das Wasser des Wunschbrunnens trinken.“, rät ihr ihr Pferdchen, „mit dem Wasser des Wunschbrunnens wird dir sofort klar, was dein elementarster Wunsch ist.“
„Wie komme ich an das Wunschwasser heran? Ich sehe weder Eimer,  noch Pumpe, keine Leiter, keinen Schlauch.“
„Denke nach Emma.“, fordert das tapfere Ross Emma auf „wie könntest du an das Wasser der Wünsche der gelangen?“
„Ich springe hinein.“, ruft Emma und springt auf.
„Nein, nein,“, warnt das Pferd, „Das ist doch etwas einfach und gefährlich. Weißt du, wie tief der Brunnen ist?“
Als Emma den Kopf schüttelt, fährt das Pferdchen fort:
„Siehst du, das ist waghalsig und leichtsinnig. Sich in die Tiefe zu stürzen, ohne zu wissen, wo man landet. Das ist keine gute Lösung.“
Emma ist ratlos: „Was denn nun? Keine Ahnung, was ich tun soll?“
„Schau doch noch einmal über den Rand des Brunnens.“, rät das Pferdchen.
Emma steht auf und beugt sich über die grob gemauerte Umfassung des tiefen Brunnens. Ein Laut der Überraschung kommt aus ihrem Mund. Was ist denn das? Sie erkennt das Wasser. Vorher war nur ein schwarzes Loch zu erkennen, jetzt sieht sie erfrischendes, sauberes und verlockendes Wunschwasser auf etwas mehr als eine Armeslänge entfernt. Der Wasserspiegel ist eindeutig gestiegen. Aber nicht genug, um heranzukommen.
„Das Wasser steigt“, wenn ein Pferd lächeln könnte, wäre es jetzt soweit, „aber wieso?“
Emma zuckt mit den Schultern und ist vollkommen ahnungslos. Das Pferdchen erkennt Emmas Problem und hilft ihr:
„Schau mal, gute Wünsche sind Erkenntnisse, aus denen man sie formulieren kann. Als du den Wunschbrunnen zum ersten Male berührtest, kam die Erleuchtung über dich. Was du nicht bemerkt hast, mit zunehmender Klarheit deiner Gedanken stieg der Wasserspiegel des Brunnens an. Du hast mit dem Durchleben deiner guten und schlimmen Gefühle das Steigen des Wunschwassers bewirkt. Nur wer im Angesicht des Wunschbrunnens ganz ehrlich mit sich ist, erreicht einen steigenden Pegel. Dir ist das gelungen.“
Emma fühlt sich gelobt und stolz auf das, was sie geschafft hat. Es war nicht angenehm und sogar schmerzhaft, sich mit all ihren Problemen auseinanderzusetzen. Sie zweifelt, ob es der Mühe wert war, so viele schmerzliche Gefühle nochmals zu durchleben, nur um von dem Wunschwasser zu trinken. Das würde sie erst erfahren, wenn sie es wirklich täte.
„Schau noch einmal hinein. Deine neuerlichen Erkenntnisse haben scheinbar gereicht, den Wunschwasserspiegel bis ganz nach oben zu bringen.“


10.  Der beste Wunsch der Welt


Emma beugt sich wieder über den Rand des Brunnens und die Wasseroberfläche reicht direkt bis zu ihrer Nase. Sie steckt ihre Fingerspitze hinein und leckt sie ab.
Das schmeckt vielleicht.
Sie muss mehr davon haben. Sie bildet mit beiden Handflächen eine Schale und schöpft das Wunschwasser aus dem Brunnen. Sie trinkt und trinkt und trinkt. Der süßlich frische Geschmack überwältigt sie. Das wertvolle Wasser läuft in ihrem Hals hinunter, wird warm und füllt sie aus. Mit Glück. Sie weiß, was sie sich am meisten wünscht. Sie hat erkannt, welche Erkenntnisse und Wünsche sie zum diesjährigen Weihnachtsfest am glücklichsten machen. Sie sinkt in die Knie, lehnt sich an die Mauer des Brunnens. Sie jubelt innerlich, so zufrieden war sie lange nicht mehr. Der dauerhafte graue Schatten ist wie weggefegt. Sie sitzt dort und kann nicht ein noch aus vor Glückseligkeit. Sie schläft ein.
Emma träumt einen intensiven Traum. Mit einem Mal versteht sie alles. Sie ist frei wie ein Vogel. Ein lauer angenehmer Windhauch weht ihr um die Nase. Sie ist schwerelos und scheint zu schweben. Leicht ist sie, als ob die Naturgesetze für sie nicht gälten. So etwas hat sie noch nie erfahren. Sie möchte gar nicht mehr aufwachen. Emma ist bewusst, dass sie träumt. Einen Klartraum erlebt sie. Sie kann den Fortgang ihres Traumes selbst steuern. Das ist seltsam. Sie registriert ihre eigenen Traumgedanken und kann sie sogar bewerten.
Emma schaut sich um. Das hat sie vor lauter Verwunderung über den Klartraum völlig vergessen. Als Erstes erschreckt sie sich. Das ist ganz schön hoch. Sie fliegt tatsächlich. Ist das denn möglich? Unter ihr gleitet die Landschaft dahin. Dort unten ist sie vor nicht allzu langer Zeit, mit grauen Gedanken im Kopf, auf ihrem weißen Pferdchen geritten. Sie erkennt im Zentrum den Wunschbrunnen, der ihr die glücklichsten Gefühle seit Monaten gegeben hat. Rund um den Brunnen erstreckt sich grüne, fruchtbare Steppe mit wehendem, hohem Gras. In einem entfernteren Kreis tauchen vereinzelte Laubbäume auf. Sie tragen die seltsamen, fast rechteckigen Blätter, die beschrieben sind. Schaut sie weiter, verdichtet sich in einem anschließenden, riesigen Ring der Wald. Hier steht Wunschbaum an Wunschbaum. Das sind Tausende, nein Millionen von Wunschzetteln, tippt Emma. Sie lacht in sich hinein. In der Schule sind sie erst bei Tausend. Jetzt schätzt sie Millionen. Unglaublich.
Der nächste Kreis besteht aus einem Mischwald, der in einem weiteren Ring in einen dunkleren Nadelwald übergeht. Emma kann sich anstrengen, wie sie will. Doch darüber hinaus entdeckt sie nichts, obwohl sie liebend gerne ihr Zuhause sehen würde, um zu erkennen, wo ihr Heimweg langgeht. Es ist jedoch unmöglich. Als ob sie über den riesigen Wald hinaus blind sei. Das ist komisch, denkt sie und ihr Blick gleitet über die Wunschbäume des äußeren Ringes. Sie kann die Millionen von Wunschzetteln alle lesen. Wie geht das? Bei dieser Entfernung. Sie fliegt hoch.
Sie erkennt die krakelige Schrift der Erstklässler, die stolz ihre ersten Schreibversuche auf ihrem Wunschzettel verewigen. Dort sieht sie das exakte und verspielte Schriftbild der zehnjährigen Melia und hier die schnörkellose und nicht ganz ordentliche Schrift des elfjährigen Kalle. Woher weiß sie das? Sie kennt die beiden Kinder nicht, hat aber das Gefühl, vertraut mit ihnen zu sein. So sind ihr sämtlich Kinder der Welt bekannt. Millionen von Kindern. Wie funktioniert das? Doch es wäre kein Traum, wenn Emma sich Gedanken über Unmögliches machen würde. Sie liest alle Zettel. Sie müssen doch in den verschiedensten Sprachen abgefasst sein. Sie kommt sich vor, wie Weihnachtsmann, Christkind und Santa Claus zusammen, die auch sämtliche Sprachen der Wunschzettel verstehen, vermutet sie jedenfalls.
Die Wünsche sind vielfältig. Sie handeln im äußeren Ring der dichtgewachsenen Wunschbäume von Spielsachen, Handys, Computerspielen, Armbanduhren, Play-Stationen, X-Boxen, Büchern, Puppen, Teddybären, Brettspielen, Playmobil, Lego, Schleich und tausend anderen Sachen der Spielzeugindustrie in den Läden des Universums. Das wünschen sich die meisten Kinder. Auch Emma gehört dazu. Hat sie doch nichts anderes auf ihren Wunschzettel geschrieben, als die Millionen fremden Kinder der Welt. Emma wundert sich nicht.
‹Ist eben normal›, überlegt sie.
Aber ihr schießt ein Gedanke  durch den Kopf. Trotz der Selbstverständlichkeit, mit der die Vielzahl von Kinderwünschen auf den Wunschzetteln steht, hat sie sich die Frage gestellt, die sie hierhin geführt hat.
„Was ist das weltbeste Weihnachtsgeschenk und macht es mich glücklich?“
Wenn so viele Kinder das gleiche tun wie sie. Wenn sie alle Wunschzettel schreiben mit den identischen Wünschen, wie sie sie aufgeschrieben hat, warum ist sie hier alleine? Offenbar denken nicht viele Kinder über ihre Wunschzettel wirklich nach.
Sie wendet ihren Blick auf die locker stehenden Bäume mit der weniger dichten Belaubung, die dem inneren Steppenkreis nahekommen. Was mag auf diesen Wunschzetteln stehen?
Sie braucht ihre Augen nicht anzustrengen, um die Wünsche im inneren Kreis des Wunschwaldes lesen zu können.
„Ich wünsche mir, dass Mami wieder gesund wird.“
„Papa soll wiederkommen.“
„Meine Schwester Lara soll bald aus dem Krankenhaus kommen.“
„Der arme Bettler in der Innenstadt soll immer etwas zu essen haben.“
„Die vielen armen Kinder in Afrika, Syrien oder sonst in der Welt sollen jeden Tag in die Schule dürfen.“
„Mach bitte, dass mein Papa mich nicht mehr schlägt.“
„Die Pandemie soll zu Ende sein. Ich will meine Freundinnen wieder sehen.“
„Mach mich wieder gesund.“
Je mehr Emma von diesen Wünschen liest, umso betroffener wird sie. Es gibt so viele Anliegen, die von Gewicht sind. Jetzt scheint ihr Wunschzettel, der für sie so wichtig war, so klein und belanglos zu sein. Was ist schon ein neues Handy oder ein Stall für ihre Schleichpferde gegen den Hunger eines Bettlers oder die Gesundheit eines Kindes?
„Wie glücklich macht dich ein neues Computerspiel im Vergleich zu dem kranken Kind, das gesund wird?“
Emma stellt sich die entscheidende Frage. In diesem Wunschwald gibt es offenbar unterschiedliche Qualitäten von Wünschen. Jedenfalls scheinen die wichtigen Wünsche weniger zu sein, als die üblichen Wünsche der Kinder. Je weiter man in das Zentrum des Wunschwaldes, das kaum Bäume, sondern mehr und mehr Steppengras aufweist, blickt, umso weniger sind die Wunschzettel. Deshalb sind auch keine anderen Kinder hier. Je näher die Wünsche am Wunschbrunnen wachsen, desto wichtiger sind sie offenbar. Die Erfüllung der Wünsche, die gleich am Wunschbrunnen wachsen, hat das Potenzial, Kinder wirklich glücklich zu machen.
Endlich versteht Emma, welcher Wunsch sie wirklich glücklich macht. Sie hat es am Brunnen der Erkenntnis und Wünsche erlebt. Emma ist zufrieden, weil sie jetzt weiß, was für sie wichtig ist.
Sie öffnet die Augen. Sie fühlt sich verschlafen. Wieso sitzt sie an ihrem Schreibtisch, ihren Kopf auf die Holzplatte gelegt und schaut ein weißes Schleich-Pferd an? Langsam hebt sie ihren Kopf, reckt ihre Arme und springt auf. Sie ist in ihrem Zimmer. Schlagartig erinnert sie sich. Schnell packt sie das weiße Schleich-Pferdchen und spürt sofort den Unterschied. Das hier ist zwar ein wunderschönes, aber kein lebendiges und sprechendes Pferd. Sie ist sich vollkommen sicher. Sie hat das Pferdchen unter den Büschen leuchten sehen, es hat sich bewegt, es hat gewiehert und mit ihr gesprochen.
An den Klartraum und ihren Flug über den Wunschwald erinnert sie sich, kann aber die Geschichte davor nicht einordnen. Ist sie nicht erst am Wunschbrunnen eingeschlafen? Sie schüttelt ihren Kopf und versteht die Welt nicht mehr. Eines bemerkt sie aber deutlich. Der bedrohliche Schatten ihrer dunklen, grauen Gedanken ist weg. Ihr ist durch den Flug über den Wunschwald einiges klar geworden. Kinderwünsche, die jeder, der ein wenig Geld hat, erfüllen kann, sind schön und Emma möchte, wie andere Kinder auch, keinesfalls darauf verzichten.
Wichtig sind aber die anderen, tieferen Wünsche. Sie entstehen aus manchmal verzwickten Beziehungsgründen, aus schrecklichen Unfällen oder aus fürchterlichen Schicksalsschlägen. Alle von solchen Ereignissen betroffenen Kinder wünschen sich zurück in die Zeit vor dem Unglück. Das geht nicht, weiß Emma jetzt. Das zu wissen, macht sie stärker. Sie hat keine Schuld an der Vergangenheit, das versteht sie nun. Das weiße Pferdchen hat ihr ihr jetziges Glück verdeutlicht. Das muss sie bewahren und nicht Vergangenem hinterherlaufen.
Emma öffnet ihre Schreibtischschublade und nimmt ihren Weihnachtswunschzettel heraus. Sie liest ihn aufmerksam durch. Jetzt ist ihr bewusst, welcher Wunsch sie wirklich glücklich gemacht hat. Das bedeutet aber nicht, dass die Millionen Wunschzettel an den Wunschbäumen, wo ihrer auch hängt, deshalb für sie nicht wichtig wären. Sie machen vielleicht nicht ganz so glücklich, aber trotzdem!


Frohe Weihnachten


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