Norbert Lingen

Autor

Das zweite Weihnachtsfest
Emmas Weihnachtstagebuch
Norbert Maria J. Lingen


Mittwoch, 30. November 2022

Am CEG ist was los. Heute ist die Hektik besonders groß. Ich glaube, es liegt an den Vorbereitungen für die häufigen Advents- und Weihnachtskonzerte. Das allein wäre kein Grund für die Unruhe. Denn das CEG ist nicht nur ein musisches Gymnasium. Nein, leider haben wir auch alle anderen Fächer. Ich liebe Englisch und kann Ethik nicht leiden. Dazwischen liegen Kunst und Musik oben, Deutsch und Mathe im oberen Mittelfeld. Natur und Technik oder Geografie sind auch okay, Sport und Schwimmen erst recht. Wie gesagt, nur mit Ethik habe ich ein Problem. Ob es am Stoff oder an der Lehrerin liegt, lassen wir mal offen.
Ach, ehe ich es vergesse, ich heiße Emma, bin so gut wie 11 Jahre alt und in der fünften Klasse des CEG, genauer in der 5E des Christian-Ernst-Gymnasiums. Passt doch, dass das Kürzel CEG einen C-Dur-Dreiklang abgibt. Ich meine wegen des Musischen. Ich pauke übrigens Klavier. Meine Freundin Anna spielt Querflöte und Theo Cello. Jeder Schüler lernt ein Instrument. So hört man an allen Ecken und zu jeglicher Stunde Musik. Eine tolle Schule, finde ich.
Ein Fach habe ich vergessen. Theater ist montags in der Siebten und macht auch Spaß. Aber jetzt zurück zum Adventskonzert. In zwei Wochen ist es so weit. In der zweiten Adventswoche, ich glaube donnerstags am Abend, spiele ich ein Stück vor. Ich übe bereits einige Zeit daran. Frau Notteiler, meine Klavierlehrerin meint, dass ich das hinkriege. «Felice Navidad» heißt es. Das kennt jeder.


Donnerstag 1. Dezember 2022

Ich habe keine Zeit. Los geht’s. Ethik steht an. So ein Mist. Ich muss rennen. Das wird knapp. Ich husche gerade noch in den Klassenraum. Frau Schuster-Mühler ist dabei, die Tür zu schließen. Ich sitze kaum auf meinem Platz, zieht sie die Bögen aus ihrer Tasche. Shit, eine Ex. Okay, ganz so aus heiterem Himmel kommt sie nicht. Vorbereitet bin ich schon. Macht aber trotzdem keinen Spaß. Die Ex habe ich locker geschafft. Am Ende war es eine Eins. Doch, was wichtiger ist, in der Ethikstunde erschien eine neue Schülerin.
«Das ist Natalia. Sie ist heute in unserer Klasse, bevor sie in der kommenden Woche in die internationale Klasse kommt. Natalia stelle dich kurz vor, ja?», beginnt Frau Schuster-Mühler.
«Dobryy ranok Mene zvutʹ Natalya. Ya rodom z Odesy, krasyvoho mista bilya morya.», beginnt Natalia.
«Versuchst du es bitte auf Deutsch, Natalia?», mahnt Frau Schuster-Mühler streng. ‹Blöde Kuh,› denke ich. Natalia wird unruhig, nickt zögernd und versucht es erneut:
«Äh, Morgen guten. Ich Natalia. Kommen aus Odessa, chönste Stadt die Welt.»
«Das üben wir noch ein wenig.», merkt Frau Schuster-Mühler mit honigsüßem Lächeln an. ‹Blöde Kuh›, denke ich schon wieder. Ich als Klassensprecherin begrüße sie im Namen der Klasse. Obwohl Frau Schuster-Mühler im Unterricht fortfahren möchte, drängen wir uns um die Neue.
«Seit wann bist du in Deutschland?»
«Wie bist du hergekommen?»
«Wie ist der Krieg?»
«Hast du etwas Schlimmes erlebt?»
«Wo wohnst du?»
«Jetzt reicht es», mahnt Frau Schuster-Mühler, «Natalia soll sich einstweilen hinsetzen. Nimm dort drüben Platz.»
Frau Schuster-Mühler weist auf einen freien Platz neben Ludwig. Den mag keiner leiden. Der ist komisch und redet unfreundliches Zeugs über Ausländer und so. Sein Vater ist Politiker. Ich glaube, der ist in der AfD und deshalb gegen Fremde. Ich spreche kurz mit Anna und sie ist einverstanden:
«Frau Schuster-Mühler», ich bin echt freundlich zu ihr, «Erlauben Sie, dass Natalia für heute den Sitzplatz neben mir bekommt? Anna tauscht gerne mit ihr.»
«Nein», reagiert sie bestimmend, «Sie sitzt dort, wo ich gesagt habe, und nun ist Schluss mit der Diskussion.»
Ich denke heute zum dritten Mal: ‹Blöde Kuh›, und setze mich auf meinen Platz, Anna neben mir. Der Ethik-Unterricht dauert nur noch 10 Minuten. Ich winke Natalia zu uns. Anna und ich machen ihr klar, dass Anna und Natalia die Plätze tauschen. Sie versteht nicht, warum. Doch sie setzt sich zu mir. Frau Mausch-Leier bemerkt nichts von dem Platztausch. Wir haben Geografie bei ihr. In der Pause nehme ich Natalia an die Hand und bringe sie auf den Pausenhof. Alle Mädchen der Klasse drängen sich um sie und bestürmen sie wieder mit Fragen.
«Jetzt seid mal nicht so neugierig. Natalia wird noch verrückt.»
Wir setzten uns an einen der Außentische der Schulmensa und versuchen, mit Natalia ins Gespräch zu kommen:
«Welches Instrument spielst du?»
Sie schaut mich ratlos an. Theo zückt sein Handy und öffnet eine Übersetzungsapp: Deutsch – Ukrainisch:
«Na yakomu instrumenti ty hrayesh?», liest Theo unbeholfen vor.
Natalia lacht: «Violine».
«Toll», rufen zwei drei Mädchen.
Natalia lächelt. Ich glaube, sie fühlt sich schon wohler.





Freitag 2. Dezember 2022

Natalia ist nun in der internationalen Klasse. Wir sehen uns nur in der Pause. Sie taut langsam auf. Sie berichtet Anna und mir von ihrer schönen Heimatstadt. Odessa ist eine alte Hafenstadt am Schwarzen Meer. Natalia erzählt von der malerischen Altstadt, wo ihre Eltern einen bescheidenen Souvenirladen betrieben. In den besseren Zeiten vor dem Krieg kamen viele Touristen nach Odessa. Heute natürlich nicht mehr. Jetzt schlagen nahezu jeden Tag Raketen ein. Ihr Haus mit dem kleinen Laden ist zerstört. Ihre Familie hatte Dusel, dass sie rechtzeitig einen Schutzraum aufgesucht hatten. Sie erzählt von ihrer Angst und von toten Schulfreunden und deren Familien. Ich stelle mir einen Krieg schrecklich vor. Aber mit den Erzählungen von Natalia ist er plötzlich so nah, dass ich beinahe echte Angst bekomme.
Die Weihnachtsstimmung will sich nicht einstellen. Die Stadt ist festlich beleuchtet. Es duftet nach Glühwein und Lebkuchen. An jeder Ecke hört man Weihnachtsmusik. Ich denke:’Wie falsch ist das hier? Wie kann alles in Ordnung sein, wenn Kinder wie Natalia leiden?›


Montag 5. Dezember 2022

Natalia lernt schnell Deutsch. Ich mag sie. Heute hat sie mich eingeladen. Ich soll sie nachmittags zu Hause besuchen. Mit dem Fahrrad fahre ich zur angegebenen Adresse und bin entsetzt. Natalias Familie lebt in einer Wohncontainer-Siedlung, gemeinsam mit anderen Flüchtlingen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Ich höre nur Sprachen, die ich nicht kenne. Mich erwartet eine fremde Welt. Natalia, ihr Bruder und die beiden Eltern bewohnen einen Raum. Es gibt eine Gemeinschaftsküche sowie Toiletten und Duschen für alle. Für mich ist glasklar, dass ich dort niemals wohnen wollte. Wir spielen draußen. Im Container ist kein Platz. Sie sind aus der Ukraine geflohen mit dem, was sie tragen konnten. Alles ist verbrannt in ihrem kleinen Altstadthaus.


Dienstag 6. Dezember 2022

Heute ist Nikolaus. Da gibt es Süßkram. Mein Opa erzählt, dass früher der Nikolaus mit einem großen goldenen Buch kam. In dem Folianten waren die Sünden und guten Taten von jedem Kind verzeichnet. Natürlich auch seine. Es ging aber immer gut aus, sagt er zumindest. Später hat er herausgefunden, dass der Nikolaus nicht echt war. Sein Onkel hatte sich als Nikolaus verkleidet. Wäre auch seltsam gewesen. Wer sollte sich die Mühe machen, alles zu notieren, was die Kinder auf der ganzen Welt anstellen? Wie geht sowas, bei so vielen Kindern? Man muss sich nur bei uns in der Schule umschauen. Unmöglich, meine ich.
Ich lade Natalia für morgen zu uns nach Hause ein.


Mittwoch 7. Dezember 2022

Der Besuch Natalias steht heute an. Nach der Schule kommt sie gleich mit zu mir. Diese Woche bin ich bei Papa. Dort ist mein Zimmer mit meinen Sachen und Büchern. Mama und Papa haben sich gegen meinen Willen vor drei Jahren getrennt. Jetzt wohne ich eine Woche bei Papa und eine Woche bei Mamas neuer Familie. Immer wenn ich bei Mama bin, vermisse ich Papa und umgekehrt. Bei Papa habe ich Sehnsucht nach Mama. Das ist echt blöd.
Natalia ist entzückt von meinem Zimmer, meinen Schleich-Pferden und überhaupt von der ganzen Wohnung. Mir geht’s voll gut, muss ich mir eingestehen. Gleichzeitig rührt sich mein Gewissen, denn Natalia ist total down. Selbst hier, wo sie in Sicherheit ist. Sie hat Heimweh und die Familie hat nicht genug Geld, keine Arbeit und traut sich auch nicht zurück nach Odessa. Natalia sagt, sie lebten vom Bürgergeld. Ich habe keine Ahnung, was das ist. Aber es ist wenig.


Donnerstag 8. Dezember 2022

Das Adventskonzert hat richtig gerockt. Nachmittags um 3 Uhr ging es los. Großes Orchester, Chor und diverse Solisten führten weihnachtliche Musik auf. Die Aula war voll besetzt. Ich habe mich nur einmal verspielt. Das haben aber nur Frau Notteiler und Opa bemerkt. Das war echt spannend. Es war das erste Mal, dass ich vor großem Publikum gespielt habe. Bisher hatte ich ab und  zu ein Vorspiel vor der Klasse, wenn es um Schulnoten ging. Auch Natalia hat auf ihrer Violine im Unterstufenorchester mitgespielt.


Freitag 9. Dezember 2022

Ich freue mich auf Weihnachten. Wir waren heute mit der Klasse zum Erlanger Weihnachtsmarkt. Der war im Grunde öde. Aber die Eisbahn war voll cool. Es hat leicht geschneit und schon war so etwas wie Weihnachtsstimmung da.


Montag 12. Dezember 2022

Weihnachten ist für mich das beste Fest überhaupt. Alles ist geschmückt, beleuchtet, der Weihnachtsbaum, die Lieder und nicht zuletzt die Geschenke. Ich gebe zu, die Reihenfolge ist falsch. Ich gestehe es nicht gerne, doch die Geschenke sind für mich eigentlich das wichtigste. Für meine Freundinnen übrigens auch.






Dienstag 13. Dezember 2022

Ich muss mir Gedanken über Weihnachtsgeschenke machen. Ich brauche Geschenke, für Papa, Mama, Oma, Opa und meine Schwester Cora. Da habe ich einiges zu tun, denn Geld habe ich keines, einfach Geschenke zu kaufen. Ich muss etwas basteln oder malen. Das mache ich eigentlich gerne, aber so viel auf einmal auch wieder nicht. Papa habe ich mal einen Gutschein für dreimal Frühstückmachen geschenkt. Einmal habe ich schon eingelöst. Ich glaube, Papa hat den Rest vergessen.


Mittwoch 14. Dezember 2022

Heute ist Mathe-Klausur. Herr Dr. Ruchbrechner ist echt nett. Der Mathekram dagegen weniger. Gelernt habe ich genug, doch aufgeregt bin ich trotzdem. Mancher Stoff ist schwer zu kapieren. Warum zum Beispiel der Betrag einer Zahl vom Zahlenwert abweichen kann, ist mir ein Rätsel. Der Betrag von -7 soll tatsächlich 7 sein. Ich bin sicher, das haben die Mathematiker extra zum Schüler ärgern erfunden.


Donnerstag 15. Dezember 2022

Heute habe ich Geburtstag. Ich werde 11 Jahre. Ganz schön alt, oder? Das Datum ist blöd. Ist zu nah bei Weihnachten und das Wetter ist oft schlecht. Ich hätte lieber im Sommer Geburtstag. Dann könnte ich draußen feiern. Deshalb mache ich die Geburtstagsfeier mit meinen Freundinnen immer im Sommer. Trotzdem bekomme ich von Mama, Papa, Oma und Opa Geschenke.


Freitag 16. Dezember 2022

Ich komme voran mit den Weihnachtsgeschenken. Für Papa gibt es einen Gutschein. Der ist diesmal für dreimal Bettenmachen. Wegen der Gerechtigkeit bekommt Mama den Gleichen. Oma erhält ein tolles Bild von mir und für Opa studiere ich ein Klavierstück ein.
Natalia ist in letzter Zeit traurig. Ihr wird klar, dass sie ihr Weihnachtsfest in diesem Jahr nicht zu Hause in Odessa feiern kann. Sie wird sich mit dem engen und unbehaglichen Raum im Container begnügen müssen. Von Geschenken wagt sie gar nicht zu träumen. Sie hat mir von ihrem letztjährigen Weihnachtsgeschenk erzählt. Sie hat ein Buch bekommen. Harry Potter. Sie ist, wie ich, ein echter Fan von Hermine. Das Buch ist leider verbrannt bei dem Raketenangriff. Ich hätte gerne einmal in das Buch geschaut. Harry Potter in kyrillischer Schrift habe ich noch nie gesehen.


Montag 19. Dezember 2022

Es ist die letzte Woche vor den Weihnachtsferien. Ich freue mich auf die Ferien. Hauptsache frei und keine Schule.


Dienstag 20. Dezember 2022

Heute haben wir die Mathe Klausur zurückbekommen. Herr Dr. Ruchbrechner hat mir eine Eins gegeben. Super. So übel ist der Mathekram doch nicht.


Mittwoch 21. Dezember 2022

Noch drei Tage. Es wird feierlich an der Schule. An allen Ecken hört man Weihnachtsmusik. Heute ist das letzte Mittwochskonzert vor den Ferien. Deshalb das viele Üben.
Wir haben über die Weihnachtsgeschenke, die wir erwarten, gesprochen. Jeder hat seinen Wunschzettel beschrieben. Manche waren echt lang. Ich weiß nicht, was ich zu Weihnachten bekomme. Doch mein Wunschzettel war auch ausführlich.
«Ich wünsche mir echte Schminksachen», ruft Anna.
«Mir würde ein eigenes Handy gefallen.», meint Becki.
«Ich wünsche mir am meisten eine Reitbeteiligung», freut sich Amira.
Natalia beteiligt sich nicht an unserem Gespräch. Ich frage sie, was sie sich zu Weihnachten wünscht. Ich beiße mir auf die Zunge, denn ich hätte besser nicht gefragt. Ihr schießen Tränen in die Augen und sie dreht sich weg. Ich gehe zu ihr und umarme sie. Als sie sich beruhigt hat, flüstert sie nur leise:
«Ich wünsche mir, Weihnachten zu Haus zu feiern.», dann rennt sie weg.
Oje, daran haben wir nicht gedacht, dass für Natalia Weihnachten besonders schwer sein muss. Und wir quatschen die ganze Zeit über Geschenke. Wir waren sowas von rücksichtslos. Ich ärgere mich über mich selbst. Wie machen wir das wieder gut?


Donnerstag 22. Dezember 2022

Die Spannung steigt. So eine Gemeinheit. Frau Kerin-Pau lässt heute, so kurz vor Weihnachten eine unangekündigte Ex schreiben. Ich als Klassensprecherin appelliere an ihr Gewissen, nicht die Festtagsstimmung zu zerstören. Doch sie ist unerbittlich. Na ja, mir ist es egal, Englisch kann ich sowieso.





Freitag 23. Dezember 2022

Letzter Schultag vor den Ferien. Unterricht gibt es heute nicht. Wir musizieren gemeinsam. Geschichten werden vorgelesen. Unsere Klasslehrerin Frau Kerin-Pau hat Plätzchen mitgebracht. Ich, als Klassensprecherin habe einen Kuchen spendiert, den Papa gebacken hat. Nach der dritten Stunde ist Schluss. Wir verabschieden uns in die Ferien und freuen uns auf ein Wiedersehen nach Dreikönige. Alle sind fröhlich und voller Vorfreude. Natalia finde ich still auf der Bank im Pausenhof. Sie schaut mich traurig an.
«Was ist los, Natalia. Freust du dich nicht auf die Ferien. Kein Unterricht, so lange schlafen wie du willst. Ruhe, kein Stress, Weihnachtsfest und so?»
Ihr kommen die Tränen. Sie versucht zu lächeln und meint: «Lange schlafen geht nicht, irgendeiner ist immer früh wach und weckt die anderen. Stress haben wir im Container mit uns und den anderen, Weihnachtsfest im Container kannst du vergessen.» Sie steht auf, nimmt ihren Mantel und die Tasche, winkt mir traurig zu und geht. Ehe ich mich von den anderen verabschiedet und meine Sachen gepackt habe, ist Natalia verschwunden. Als ich zu Hause ankomme, bemerke ich, dass ich Mütze, Handschuhe und Fahrradhelm wieder einmal in der Schule vergessen habe. Was soll's. Die werden nach den Ferien immer noch dort liegen.
Nach dem Mittagessen hocke ich in meinem Zimmer. Die bedrückte Natalia geht mir nicht aus dem Kopf. Sie wird am Weihnachtsabend genauso betrübt sein, wie heute. Das geht doch nicht. Da muss man doch etwas unternehmen. Nur was?
«Was ist mit dir los? Du bist so still?», fragt Papa gut gelaunt.
«Mir geht Natalia nicht mehr aus dem Kopf. Die war eben so down. Sie wird kein schönes Weihnachten haben. Die wird morgen mit feuchten Augen im vollgestopften Containerzimmer sitzen und an ihr versunkenes Odessa denken.»
«Du weißt schon, dass Ukrainer zwar Christen sind, aber normalerweise der orthodoxen Kirche angehören?»
«Ja und? Ich gehöre keiner Kirche an und feiere auch Weihnachten.»
«Ja schon, aber die orthodoxe Kirche begeht Weihnachten an einem anderen Tag.»
«Echt?»
«Ja am 6. Januar, an dem wir das Fest der Dreikönige feiern, begehen sie, ähnlich wie bei uns, den Heiligabend. Das eigentliche Weihnachtsfest ist am 7. Januar.»
«Wieso haben die einen anderen Termin?»
«Die orthodoxen Kirchen verwenden den julianischen Kalender, während wir den gregorianischen Kalender benutzen. Das macht über den Zeitraum von 2000 Jahren den Unterschied von fast zwei Wochen aus.»
Das hätte ich alles nicht gedacht. Dann hat Natalia morgen gar keinen Heiligabend. Der wäre für sie am 6. Januar. Dann habe ich noch Zeit, mir etwas zu überlegen.
Natalia geht mir nicht aus dem Kopf. Während ich letzte Hand an die Weihnachtsgeschenke lege, kommt mir die Idee. Ich weiß nur noch nicht, wie ich das am besten hinkriege. Heiligabend bin ich bei Papa, am ersten Weihnachtstag bei Mama und am 2. Weihnachtstag bei Oma und Opa. Ich nehme mein Handy und rufe Oma an.
«Hallo Mäuschen.», sie nennt mich immer noch Mäuschen. Na ja, eigentlich süß.
«Hallo Oma, darf ich zu Weihnachten eine Freundin mitbringen?»
«Das ist ja eine ungewöhnliche Bitte. Haben deine Freundinnen nicht zu Hause Termine genug?»
«Nein, diese Freundin nicht.»
«Aha?»
«Natalia ist Flüchtling und kommt aus der Ukraine. Sie würde sonst im Flüchtlingscontainer herumhängen.»
«Dann soll sie lieber bei uns herumhängen», lacht Oma, «Ja sicher, bringe deine Freundin aus der Ukraine nur mit.»
«Danke», und ehe Oma noch etwas fragen kann, habe ich sie weggedrückt.


Samstag 24. Dezember 2022 Heiligabend

Heute ist Heiligabend. Das ist einer der aufregendsten Tage im Jahr. Im Grunde wartet man den ganzen Tag auf den Geschenkeregen. Ich bin allerdings mit meinen Geschenken für Oma und Opa noch nicht fertig. Vor allem das Bild für Oma muss abgeschlossen werden. Für Opa nehme ich einfach das Klavierstück, das ich für die Schule schon eingeübt habe. Ich improvisiere etwas dazu. Das gefällt Opa. Als ich den Super-Sonnenuntergang für Oma fertig gemalt habe, schwinge ich mich auf das Fahrrad und fahre zum Flüchtlingscontainer. Ich sehe Natalia schon von weitem alleine vor dem Container auf und ab gehen. Ihr Atem steigt wie weißer Dampf auf. Jetzt bemerke ich auch meine kalten Hände, Handschuhe vergessen. Natalia sieht mich von weitem und winkt mir erfreut zu.
«Hallo Emma», ist sie mega happy.
«Hi Natalia»
Ich steige ab und stelle mein Fahrrad ab.
«Komm rein.», winkt sie mich in die Container-Anlage.
«Nein», ich schüttele den Kopf, «bleiben wir lieber draußen.»
«Okay» und schaut mich fragend an.
«Hast du Lust am Montag, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag, zu uns zu kommen. Ich bin mit Papa zusammen bei Oma und Opa.»
Natalia schaut mich mit weit offenen Augen an. Ich weiß nicht, ob sie sich freut, erschrocken oder ratlos ist. Doch dann wandelt sich ihr Gesicht in ein einziges strahlendes Lächeln und sagt: «Ja.»
Dann schaut sie mich besorgt an und ehe sie etwas sagen kann, plappere ich los:
«Und bringe auf keinen Fall ein Geschenk mit. Du hast doch mitbekommen, dass wir alle mehr als genug bekommen.»
Sie scheint beruhigt zu sein und geht ab vor Freude. Sie springt wie im Party-Modus herum.
«Ya shchaslyvyy»
Ich check sie überhaupt nichts und Natalia lacht laut.
«Sorry, ich meine, ich freue mich.»
Ich habe sie lange nicht mehr so lachen sehen.
In die Kirche gehen wir nicht. Ich bin gar nicht getauft und Papa hat auch keinen Draht zur Kirche. Trotzdem weiß ich, dass wir ein christliches Fest feiern und genau vor 2022 Jahren Jesus auf die Welt gekommen ist. Angeblich ist er der Sohn Gottes. Darüber weiß ich nichts, weder habe ich den Gott noch seinen Sohn je gesichtet.
Trotzdem ist vor allem Heiligabend schön. Der geschmückte Weihnachtsbaum, das Kerzenlicht, die dekorierte  Wohnung. Dann natürlich die Geschenke. Das ist das Beste. Ich bekomme von Papa ein supertoll illustriertes Harry-Potter-Buch. Dazu einige Shirts. Hosen, und eine warme Winterjacke. Ach ja und neue Reitstiefel stehen  unter dem Gabentisch. Meine alten sind mir zu klein. Papa hat Burger gemacht, Weihnachtsburger. Alles ist in Sternform zugeschnitten, die Gurken, die Salatblätter und das Patty. Krasse Idee.
Ich will nicht ins Bett, weil der Abend niemals enden soll. Doch irgendwann ich bin  auf dem Sofa eingeschlafen.


Sonntag 25. Dezember 2022 1. Weihnachtsfeiertag

Papa muss mich ins Bett getragen haben, denn am nächsten Morgen, na ja eigentlich Mittag, wache ich in meinem Bett auf. Sofort kommt das glückliche Weihnachtsgefühl zurück. Tolle Zeit.
Heute Nachmittag holt Mama mich ab. Ich freu mich schon auf die nächste Geschenkparty.
Es wird dunkel. Der kleine künstliche Weihnachtsbaum ist voll behängt mit bunten Kugeln und leuchtet hell. Schön ist er. Die Geschenke liegen unter dem Baum am Boden. Bernd, Mamas neuer Mann, meine ältere Schwester Cora und ich sitzen um den Wohnzimmertisch herum. Der Fernseher zeigt irgendeine Weihnachtsshow. Cora und ich sind aufgeregt. Was mag in den Paketen sein? Welches ist für wen? Das größte, das rote da drüben ist sicher für mich. Wir können den Blick nicht von dem Stapel Geschenkpakete wenden. Nachdem Mama und ihr neuer Mann endlich ihren Kaffee ausgetrunken haben, kann es losgehen. Ich bekomme das erste Paket, nicht das große rote. Trotzdem, ich freue mich über einen Stall für meine Schleich-Pferde. Das große Rote ist für Mama von Bernd. Cora bekommt eine riesige Schachtel mit Buntstiften. Cora kann echt gut zeichnen und malen.
Ich baue meinen Pferdestall auf, hole die wenigen Pferde, die ich in meinem Zimmer bei Mama liegen habe und spiele den ganzen Abend. Ein wunderbarer Abend. Ich gehe wieder spät ins Bett.


Montag, den 26 Dezember 2022. 2. Weihnachtsfeiertag

Ich schlafe lange, Mama schläft länger. Als wir aufstehen, ist es für das Frühstück zu spät. Ich nehme mein Fahrrad und radele nach Hause. Papa ist schon länger wach. Gefrühstückt hat er nicht. Spontan brunchen wir mit dem, was wir im Kühlschrank finden. Es ist mehr als gedacht. Ein Sternenburger ist auch dabei. So beginnt der letzte Weihnachtsfeiertag echt gut. Mir fällt noch etwas ein. Ich rufe Oma an:
«Oma», ehe ich etwas sagen kann:
«Hallo Mäuschen.»
«Oma, hast du irgendeine Kleinigkeit, die wir der Natalia schenken können?»
«Das fällt dir ja früh ein», lacht Oma, «Ja sicher, was hältst du von einer kleinen Schachtel Weihnachtspralinen?»
«Superidee, ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann,» und lege auf. «Was war das?»; fragt Papa verwundert.
«Ach, nichts Besonderes. Ich habe Oma vorgestern angerufen und gefragt, ob ich Natalia aus der Ukraine mitbringen darf. Wir müssen sie vorher an der Container-Siedlung abholen.»
«Okay», sagt Papa kommentarlos. Das finde ich toll, Papa lässt mich einfach machen.
Ich bewundere ein wenig mein neues Harry-Potter-Buch und dann müssen wir los. Wir fahren mit dem Fahrrad. Es ist echt kalt. Aber diesmal habe ich Handschuhe dabei. Papa hat mich daran erinnert.
Natalia wartet bereits vor den Containern. Wir nehmen sie in Empfang und los geht’s. Natalia und ich radeln nebeneinander und Papa vorneweg. Wir haben einiges zu quatschen. Sie sagt, sie ist froh, aus der Enge des Zimmers und der Familie hinauszukommen.
Bei Oma werden wir immer herzlich empfangen. Oma und Opa stehen in der Wohnungstür und warten, während wir die drei Treppen in den dritten Stock hochsteigen. Papa hat einiges zu schleppen. Er trägt die Geschenke für Oma und Opa, auch mein Bild. Oma freut sich und umarmt mich und Papa herzlich. Opa steht wie immer daneben und brummt etwas vor sich hin.
Die Wohnung ist wie jedes Jahr weihnachtlich dekoriert. Ein großer Weihnachtsbaum mit tollem Weihnachtsschmuck fällt am meisten auf. Auch sonst stehen überall die prächtigsten Weihnachtsobjekte herum. Figuren aus Zinn, Kerzen, eine Spieldose und vor allem der Weihnachtsmann, der singend mit den Hüften wackelt, schaltet man ihn nur ein.
Natalia schaut sich staunend um. Sie bewundert die vielen bunten Figuren, die Glaskugeln, die zum Teil durchsichtig, manche kunterbunt andere rot, grün oder blau sind. Eine Weihnachtskugel hat sie besonders beeindruckt, die aussieht wie ein Heißluftballon mit Korb darunter.
Vor dem Essen reicht Oma einen Aperitif. Ich hole mein eigenes Aperitifglas, das Oma und Opa aus Strasburg mitgebracht haben. Das Zweite gehört Cora, die ist heute nicht da. So bekommt es Natalia. Es gibt für die Erwachsenen Champagner und für uns Orangensaft mit Eiswürfeln.
Das Essen ist wie immer bei Oma, wunderbar. Wir hauen kräftig rein. Während des Essens schiele ich hin und wieder auf die vielen Pakete unter dem Weihnachtsbaum. Welches Geschenk ist wohl meines? Auch Natalia schaut mit glänzenden Augen auf die zahlreichen sorgfältig und mit buntem Weihnachtspapier verpackten Geschenke. Sie genießt unsere Weihnachtsfeier sichtlich.
Nach dem Essen spiele ich Opa sein Weihnachtsgeschenk am Klavier vor. Es klappt besser als im Weihnachtskonzert, ohne Fehler. Opa ist erfreut. Er spielt selbst Klavier und hat mir die ersten beiden Jahre Klavierunterricht gegeben, bevor ich ins CEG wechselte. Wie immer sitzt dann auch Papa am Klavier. Er hat mit mir gemeinsam begonnen zu lernen. Danach spielt Opa ein Weihnachtslied aus dem Notenbuch, das ich ihm letztes Jahr geschenkt habe.
Ich werde langsam ungeduldig. Ich glaube, Natalia hätte gerne noch länger zugehört. Es wird Zeit für die Geschenke.
«Oma, jetzt sind aber die Geschenke an der Reihe.»
«Ja sicher, Emma», lacht sie und ich stürme ins Wohnzimmer, Natalia hinterher.  Oma zeigt mir meine Pakete. Ich bekomme sogar zwei. Ich bin begeistert. In dem einen ist ein vollständiges Hermine-Kostüm, weiße Bluse grauer Rock, Hockwards Umhang, rote Krawatte und ein Zauberstab. Natalia und ich begutachten jedes Kleidungsstück genau. Alles ist super. Das andere Paket enthält noch einige Schleich-Pferde, mit denen Natalia und ich den ganzen Abend spielen.
Oma gibt auch Natalia ihr Päckchen. Sie weiß nicht wohin mit ihrer Freude. Sie öffnet es und jubelt: «Rizdvyani shokoladni tsukerky, die gab es bei uns Weihnachten auch immer.» Ihre Augen werden feucht bei der Erinnerung. Doch sie ist glücklich, zumindest für den Augenblick.
Ich bin auch zufrieden. Wir bringen Natalia nach Hause. Bevor sie sich verabschiedet:
«Emma, ich habe deine Einladung sehr genossen. Du weißt sicher, dass wir in der Ukraine Weihnachten am 7. Januar feiern. Wegen irgend so einem julanischen Kalender. Ich lade dich ein, am Weihnachtstag zu uns zu kommen.»
Ich freue mich riesig. Auf ein ukrainisches Weihnachtsfest bin ich echt neugierig.
«Danke, ich komme gerne.»
Ich steige aufs Fahrrad, winke nochmals und fahre zusammen mit Papa nach Hause. Ein echt tolles Weihnachtsfest. Das beste ist, es ist noch nicht zu Ende.


Dienstag 27. Dezember 2022

Ich schlafe wieder lange. Langsam werde ich wach. Die Sonne scheint durchs Fenster. Im Bett lasse ich die schönen Bilder des zweiten Weihnachtsabends vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Ich genieße die Stimmung und freue mich über Natalia, die auch glücklich schien. Ich drehe mich noch einmal um, kuschele mich ein und bin zufrieden. Ich denke an Mama. Ich vermisse sie.
Ich höre Papa in der Küche werkeln. Ich will noch nicht aus dem warmen Bett. Papa lässt mich morgens, so lange ich will in Ruhe, wenigstens in den Ferien. An Schultagen muss er mich immer früh wecken. Ich merke ihm an, dass er das nicht gerne tut. Nicht nur wegen mir. Er würde auch gerne lange schlafen.
Irgendwann stehe ich doch auf und schlappe in die Küche zu Papa.
«Ach du Schlafmütze, bist auch schon wach?»
«Nein», sage ich und lache.
Heute Mittag gehe ich für den Rest der Schulferien zu Mama. Ich glaube, wir fahren weg. Genau weiß ich das nicht. Ich lasse mich überraschen.


Mittwoch 28. Dezember 2022

Wir fahren doch nicht weg.


Donnerstag 29. Dezember 2022

Heute war ich mit Cora zum Eislaufen auf dem Schlossplatz. Hat Spaß gemacht.


Freitag 30. Dezember 2022

Ich lese im Harry-Potter-Buch.


Samstag 31 Dezember 2022

Heute ist Sylvester. Wir fahren doch weg. Wir treffen uns mit den Eltern von Mamas neuem Ehemann. Ist ein bisschen komisch. Wenn Bernd mein Papa wäre, wären das Oma und Opa.


Donnerstag 5. Januar 2023

Wir sind zurück. Ab heute bin ich wieder bei Papa. Ich habe ihn sehr vermisst. Er holt mich mittags ab. Nachdem wir meine Sachen zu Hause abgeladen haben, fahren wir mit dem Fahrrad zum Schlossplatz und schauen, ob die Eisbahn noch da ist. Ist sie, und wir haben viel Spaß. Papa kann echt gut eislaufen.


Freitag 6. Januar 2023

Heute ist Dreikönige. Ich habe gehört, dass es in den meisten anderen Bundesländern kein Feiertag ist. Die haben auch keine Weihnachtsferien mehr. Heute sind wir bei Oma und Opa zum Essen. Ich freue mich auf meine Freundin Lisa, die direkt gegenüber von Oma und Opa wohnt.
Morgen ist die Weihnachtseinladung von Natalia. Ich kann es kaum erwarten.


Samstag 7. Januar 2023

Mein Handy klingelt.
«Frohe Weihnachten», das kann nur Natalia sein.
«Hallo Natalia», rufe ich erfreut.
«Woher weißt du, dass ich es bin.»
«Sonst wünscht mir am 7. Januar niemand frohe Weihnachten.», wir lachen beide.
«Ich komme dich heute Nachmittag abholen. Ich habe gute Nachrichten. Wir haben eine Wohnung gefunden. Wir sind umgezogen.», ich höre, wie glücklich Natalia ist.
«Das ist ja toll.»
Ich verabschiede mich und freue mich auf den Besuch. Plötzlich schießt es mir durch den Kopf:
«Oh nein.», rufe ich so laut, dass Papa angelaufen kommt.
«Was ist los?»
«Ich habe vergessen, für Natalia ein Geschenk zu besorgen.»
Papa schaut ein wenig ratlos: «Die Geschäfte sind zu. Heute ist Feiertag. Da musst du dir etwas einfallen lassen.»
Ich senke den Kopf. Wir konnte mir das nur entfallen. So etwas Dummes. Ich überlege und schaue auf die Uhr. Zum Basteln ist es zu spät. Natalia holt mich schon in einer Stunde ab. Was mache ich?
Ich gehe in mein Zimmer und gucke mich um. Mein Blick bleibt an meinen Weihnachtsgeschenken hängen. Ich habe wirklich viel bekommen. Jedes Einzelne freut mich. Und doch, ich werde eines meiner eigenen Geschenke herschenken. Eines davon wird Natalia bekommen. Nur welches? Eigentlich kann ich mich von keinem trennen. Zuerst denke ich, dass ich das abgebe, das mir am wenigsten gefällt. Das fällt mir schwer, weil ich alle mag. Außerdem wäre das unfair, irgendetwas zu verschenken, das man selbst nicht mag und dann als das beste der Welt anzupreisen. Der Entschluss reift. Auch wenn es mir schwerfällt. Ich werde Natalia den Pferdestall mit den Schleich-Pferden schenken. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut, damit zu spielen. Doch das mache ich dann mit Natalia zusammen, falls sie einverstanden ist.
«Papa, hast du noch Geschenkpapier?»
Papa kommt mit einem Bogen Weihnachtspapier in mein Zimmer. Er sagt nichts, als ich den Pferdestall mit den Pferden wieder verpacke.
«Den hast du von Mama bekommen.», fragt er dann doch verwundert.
«Ja, aber ich wollte Natalia etwas wirklich Schönes schenken.»
Papa lächelt und wuschelt mit seiner Hand meine Haare. Ich schüttele mich, weil ich das gar nicht mag, und am Ende lachen wir beide.
Es klingelt. Natalia ist da. Sie bekommt große Augen, als sie das Riesenpaket auf dem Gepäckständer meines Fahrrades sieht. Das hatte Papa vorher festgebunden, damit es nicht bei der Fahrt hinunterfällt.
Sie wohnt nicht weit weg von uns. Im ersten Stock eines Wohnhauses haben sie jetzt eine Wohnung. Natalia zeigt mir ihr Zimmer, das sie mit ihrem Bruder teilt. Das stört sie nicht. Das war zu Hause in Odessa nicht anders.
Natalia berichtet, dass ihr Papa eine Arbeit gefunden hat. So hat die Familie das Wohnzimmer wunderschön dekoriert. Ein Weihnachtsbaum, wie bei uns, geschmückt mit Lametta, bunten Kugeln und Lichtern. Strohsterne hängen an den Fenstern und überall im Zimmer sind brennende Kerzen verteilt. Auf dem Tisch steht ein Bündel Getreideähren.
«Das ist Weizen», erklärt Natalia.
Anders als bei uns ist ein Spinnennetz im Weihnachtsbaum. «Das Pavuchky bringt Glück.», lächelt Natalia. Sie ist in bester Stimmung.
Sie führt mich zum Tisch, der festlich in Kerzenlicht getaucht ist. Dort steht alles Mögliche zu Essen. Fleisch, Geflügel, Wurst, Salate und jede Menge Leckerbissen. Mir fällt der leere Teller mit dem Besteck auf der Fensterbank auf.
Ich zeige darauf und frage Natalia:
«Wozu ist das da?»
«Damit denken wir an unsere Verstorbenen ...»
Ich hätte besser nicht gefragt, denn der Krieg kommt mit aller Macht zurück. Natalia schießen Tränen in die Augen, denkt sie doch an all die Toten, die vor kurzem noch gelebt haben. Das leere Gedeck ist zum Gedenken an die verstorbenen Familienmitglieder. Es ist für Natalias Familie wohl mehr als das.
Natalias Vater Wolodimir stimmt ein Weihnachtslied an. Alle singen mit. Ich versuche es auch. Doch ich kenne weder Text noch Melodie. Ich halte besser die Klappe. Sie hören gar nicht mehr auf zu singen. Es herrscht eine friedliche und wohlige Stimmung. Ich hole den Karton und überreiche Natalia mein Geschenk. Offenbar bin ich die Einzige, die ein Paket verschenkt. Es gibt keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum, niemand hat ein Paket dabei. So sind alle, wirklich alle, besonders neugierig darauf, was ich Natalia mitgebracht habe.
Natalia stößt einen lauten Juchzer aus. Ein solch tolles Spielzeug hat sie noch nicht. Wir packen gemeinsam aus, bauen den Stall zusammen, platzieren die Pferde und spielen, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Erwachsenen singen und Natalia, ihr Bruder und ich spielen.
Es klingelt und Papa kommt herein. Er holt mich ab, denn er will mich so spät abends nicht alleine durch die Stadt fahren lassen. Er wird gedrängt sich hinzusetzen. Er isst noch etwas und zuletzt singen alle mehr recht als schlecht deutsche und ukrainische Weihnachtslieder. Der Abend wird lang und denkwürdig.
Denkwürdig, weil es zum ersten Mal in meinem und in Papas Leben ein zweites Weihnachtsfest gab.

Doch jetzt frage ich mich, wieso die russischen und ukrainischen Soldaten nicht gemeinsam Weihnachtslieder singen, statt zu kämpfen. Die sind schließlich Nachbarn und sprechen fast die gleiche Sprache.   Die könnten  das viel besser als wir.

Ende des Weihnachtstagebuches.


Ich wünsche allen Lesern ein schönes Weihnachtsfest

Norbert Maria J. Lingen




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